November - Jennifer Sonntag
KalendertextGleißende Sonne auf der Haut lässt plötzlich vor meinen Augen alles weiß werden. Kein Raum für Konturen, Ideen, nur beißende Helligkeit. Und dann spüre ich Schatten und rieche Flieder. Meine Gedanken färben sich schwarz/lila. BildbeschreibungIch gehe einen Weg entlang, der plötzlich zu einem rauschenden Bach wird. Die Zebrastreifen, die auf die andere Straßenseite führen, bleiben jedoch auf dem glitzernden Wasserlauf erhalten. Die Realität korrigiert mein Trugbild und macht den Bach wieder zu einem Weg, gesäumt von hohen Altbauten. Aus einer geöffneten Haustür riecht es nach einer muffigen Holztreppe. Plötzlich schrauben sich in meiner Fantasie unzählige Stufen in den Boden und ich stolpere erschrocken über diese Einbildung. In mir die Angst vor dem Fall in die Tiefe. Ein herabhängender Zweig streift mein Gesicht. Plötzlich manifestiert er sich in meinem Kopf zu einem bedrohlichen Balken in Stirnhöhe. Ich glaube mich bücken zu müssen. Neben mir die klackenden Absatzschuhe einer Frau. In mir das spontane Bild einer mondänen Dunkelhaarigen in Lack, mit halsbrecherisch hohen Hacken und einer langen, dünnen Zigarette in der rotbekrallten Hand. Gleißende Sonne auf der Haut lässt plötzlich vor meinen Augen alles weiß werden. Kein Raum für Konturen, Ideen, nur beißende Helligkeit. Und dann spüre ich Schatten und rieche Flieder. Meine Gedanken färben sich schwarz/lila. Plötzlich lässt der Lärm einer heranrumpelnden Straßenbahn die Fahrbahn sechsspurig werden, ich sehe die unzähligen Autos vor meinem inneren Auge, und einen Vogel mit gelbem Schnabel und einem Wurm darin, ein unerwartetes Sekundenbild, weil es in der Ferne zwitschert. Dann riesenhafte Schatten, bedingt durch die Schritte der Passanten. Ich stocke… Sehe ich einen Abgrund, Gleise, ein Baugerüst? Beängstigende Illusionsfetzen, die kein sinnvolles Ganzes werden wollen. Zur PersonDie 29-jährige Sozialpädagogin aus Halle verlor bereits während ihrer Schulzeit durch Retinopathia Pigmentosa schleichend ihr Sehvermögen und erblindete im Laufe ihres Studiums vollständig. Verdrängend lief sie mit Ihren Fachbüchern durch die Uni und machte sich Notizen, die sie selbst gar nicht mehr lesen konnte. Heute gestaltet sie in der „Sensorischen Welt“ des Berufsförderungswerkes Halle Selbsterfahrungsseminare für Sehende und Sehgeschädigte. Dabei lernen Betroffene mit Alltagsgefahrungen umzugehen, und Sehende können einen Eindruck in die Welt der Blinden gewinnen. Außerdem ist sie Autorin verschiedener Bücher. Ihr aktuelles Werk „Verführung zu einem Blind Date“ erschien 2008 im Paperone-Verlag. |